Risikokommunikation Teil 4

Die vorliegende Reihe wurde im Wesentlichen angeregt durch eine lesenswerte Ausgabe des Belle Newsletters von 2002 (Vol. 11, No. 1, October 2002, ISSN 1092-4736 [VOLLTEXT]). Am Beispiel der "Hormesis", einer Hypothese über mögliche positive biologische Wirkungen von Schadstoffen, erläuterte der Autor jenes Artikels, Prof. Ortwin Renn (Wissenschaftlicher Direktor: IASS), detailliert und systematisch die Grundprinzipien der Risikokommunikation. 

Wir beabsichtigen im Zuge der hier begonnenen Reihe, die wichtigsten Punkte der verlinkten Übersichtsarbeit Renns zu diskutieren, in Anlehnung an seine Systematik, thematisch jedoch mit Fokus auf Reisemedizin, Tropenmedizin, Umweltmedizin und Medizinischem Coaching.

Trotz aller Unterschiede gehen Menschen auf recht ähnliche Weise mit vermeintlichen oder tatsächlichen Risiken um. Im Zuge der Globalisierung werden sich auch Behörden oder große Unternehmen immer ähnlicher darin, wie sie mögliche Risiken handhaben. Die Wissenschaft besitzt eine große integrative Kraft. Sie ist wie eine Sprache, die überall auf der Welt gesprochen wird. Tauchen irgendwo größere Probleme auf, kann man sicher sein, dass Wissenschaftler nach ihrer Meinung gefragt werden. Die Expertenmeinung wird jedoch nicht ungefiltert von Entscheidungsträgern übernommen. Stattdessen wird sie einem Veränderungsprozess unterworfen und durch kulturelle und soziale Normen sowie durch politische Traditionen beeinflusst. Es ist also nicht die Wissenschaft, die den entscheidenden „Impact“ besitzt, sondern allenfalls die Kombination aus Wissenschaft, rechtlich verankerten Vorgehensweisen („legally prescribed procedures“) und dem Wertesystem einer Gesellschaft.

Man unterscheidet vier Ansätze, wie innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft Risikobewertungen vorgenommen werden.

Adversarial Approach“ (engl. adversarial, gegnerisch)
Es existiert ein offenes Forum innerhalb dessen die einzelnen Akteure um sozialen und politischen Einfluss konkurrieren. Risikokommunikation nimmt eine Schlüsselstellung ein. Die Mitglieder der Gruppe sehen es als ihr Recht an, vollständig über mögliche negativen Begleiteffekte einer Maßnahme informiert zu werden („right to know“). Ebenso verlangen sie in Entscheidungsprozesse mit einbezogen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit polarisierender Diskussionen ist sehr hoch. Zweifel an der Nützlichkeit einer Maßnahme werden im Zuge der Meinungsbildung eher verstärkt als ausgeräumt. Und solange innerhalb der Gruppe überhaupt Zweifel bestehen, bleibt es ungewiss, ob einer Maßnahme zugestimmt wird. Hier gilt im Zweifelsfall „better safe than sorry“. Gegenüber Institutionen sind die Gruppenmitglieder besonders skeptisch, besonders im Hinblick auf deren Glaubwürdigkeit und Effektivität. Diskussionen über Statistiken, die von Behörden oder Unternehmen vorgelegt werden, sind daher meist fruchtlos. Unter einem „Adversarial Approach“ verwandeln sich die einzelnen Positionen, die in der Gruppe diskutiert werden, sehr schnell in Stereotype. Auf differenzierte Betrachtungen wird im Zuge der Meinungsbildung gerne verzichtet, man kämpft eher mit „dem Säbel als mit dem Florett“.

Fiduciary Style“ (engl. fiduciary, auf Vertrauen beruhend) 
Das genaue Gegenteil des „Adversarial Approach“ ist der „Fiduciary Style“. Entscheidungen werden in einem geschlossenen Kreis getroffen. Die Mitglieder dieses Kreises fühlen sich (idealerweise) verpflichtet, das Bestmögliche für die Allgemeinheit zu erreichen. Eine Kontrolle oder Prüfung der Entscheidungsfindung durch Außenstehende ist nicht vorgesehen. Die Öffentlichkeit hat die Möglichkeit Input und Argumente zu liefern, darf aber nicht mit verhandeln oder sich in anderer Weise aktiv am Prozess beteiligen. Das Prinzip kann nur funktionieren, wenn ein hohes Maß an Vertrauen an die Kompetenz und Fairness gegenüber den Entscheidern besteht. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, lassen sich mit dem „Fiduciary Style“ Entscheidungen durchsetzen, die unter den Bedingungen eines „Adversarial Approach“ nicht zu realisieren gewesen wären. Beispiel: Die Fluoridierung von Trinkwasser konnten am nachhaltigsten unter den Bedingungen des „Fiduciary Style“ umgesetzt werden, scheiterten jedoch dort, wo der „Adversarial Approach“ die dominierende Form der Risikokommunikation war.

Consensual Approach“ (engl. consensual, in beiderseitigem Einverständnis)
Wie beim „Fiduciary Style“ finden die Verhandlungen beim „Consensual Approach“ hinter verschlossenen Türen statt. Die Akteure sind ausgewählte Vertreter aus Wissenschaft und verschiedenen Gesellschaftsgruppen, die darüber beraten, wie ein bereits definiertes Ziel am besten erreicht werden kann. Die Gespräche finden ohne Kontroversen statt. Falls Konflikte bestehen, werden diese im Vorfeld unter vier Augen geklärt. Die Risikokommunikation basiert auf zwei Säulen: Der Öffentlichkeit soll vermittelt werden, dass

  • die Gespräche dem Besten der Allgemeinheit dienen
  • alle relevanten Meinungen gehört worden sind und angemessen berücksichtigt werden

Betroffene Bürger oder Angestellte können sich nur beteiligen, falls als die beratende Gruppe ihren Input benötigt oder sofern die Zusammensetzung der Gruppe zur Diskussion gestellt ist und entsprechend verändert werden soll.

Corporatist Style“ (engl. corporatist, vom Konzern bestimmt)
Es bestehen Ähnlichkeiten mit dem „Consensual Approach“, jedoch ist der Ablauf deutlich formaler. Namhafte Experten werden eingeladen, gemeinsam mit den wesentlichen Entscheidungsträgern zu beraten. Wie bei dem „Consensual Approach“ geht es besonders um die „Außenwirkung“. Möglichst allen Bedenken und Forderungen der Öffentlichkeit soll Rechnung getragen werden. Ziel ist es, faire Kompromisse zwischen den verschiedenen Positionen zu erreichen. Die Mitglieder des Gremiums sollten mit gutem Beispiel vorangehen und in ihrem Verantwortungsbereich die getroffenen Beschlüsse aktiv umsetzen und dies auch nach außen kommunizieren. Ziel des „Corporatist Style“ ist vor allem, das Vertrauen der Öffentlichkeit in eine bestimmte Institution zu stärken, bzw. dieses wieder herzustellen.

Kulturelle Unterschiede
Interessanterweise finden sich in verschiedenen Ländern gewisse kulturell bedingte Unterschiede bei der bevorzugten Art der Risikokommunikation. So dominiert in den USA der „Adversarial Style“, in Japan hingegen der „Consensual Approach“. In Nordeuropa tendiert man in Richtung „Corporatist Style“, während in Südeuropa der „Fiduciary Style“ eine größere Rolle spielt. Klare Trennlinien können jedoch nicht gezogen werden und Traditionen sind erwartungsgemäß bedingt durch die Globalisierung in ständigem Fluss. 

Beispiel Japan  - "Amae" (Dr. H. Jäger)
So finden sich in Japan beispielsweise Tendenzen in Richtung zunehmender Einbeziehung der Öffentlichkeit in Entscheidungsprozesse. Dieser Trend könnte nach den Erfahrungen von Fukoshima noch weiter zunehmen.

Die Katastrophe in Japan besitzt einen psychologischen Aspekt, der für Europäer nur schwer zugänglich ist:
Japaner scheinen über die Fähigkeit zur Wahrnehmung eines Gefühl zu verfügen, das uns fremd erscheint.

Der japanische Philosoph Takeo Doi (1) nannte dieses handlungsleitende Gefühl "Amae". Sehr grob könnte man es mit "mütterlicher Geborgenheit" übersetzen, einem inneren Zustand, der sich aus dem Vertrauen in eine sichere Abhängigkeit von sozialen Kontakten vermittelt. D.h. ein Gefühl, das tief verletzt werden kann, wenn sich diese Beziehungen auflösen.

Dann folgt auf Amae die Verzweiflung.

Gefühle zu empfinden und sie Artgenossen zu vermitteln ist die entscheidende Fähigkeit, die zur Überlegenheit der Säugetiere gegenüber den Sauriern und Schlangen geführt hat. Säugetiere können Fluchtreflexe und Aggression dämpfen und friedlich miteinander kommunizieren. Der Mensch kann das besonders gut. Unsere elementaren Bewertungen Gut-für-mich, Schlecht-für-mich und die grundlegenden Gefühle sind bei allen Personen unserer Art weltweit gleich: Angst, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung und Freude. Auch die damit verbundenen Muskelreflexe, die  zu unterschiedlicher Mimik oder Körperhaltungen führen können, unterscheiden sich nicht. Menschen unterschiedlicher Kulturen können aber, wenn die Gefühle nicht zu stark sind, sehr unterschiedlich damit umgehen.

In Fernsehbildern aus Japan fallen häufig zwei Verhaltensweisen auf: Menschen, die an Husten-Schnupfen-Heiserkeit leiden tragen einen Mundschutz und Einwohner einer Region, in der der Tsunami alles weggespült hat, stehen scheinbar gefaßt, ruhig und diszipliniert in einer Schlange, um auf Wasser- oder Nahrungszuteilungen zu warten. Beides drückt den kulturell, in sehr früher Kindheit erworbenen Respekt vor den sozialen Beziehungen aus, vor dem Wohl der anderen, die durch zu große Gefühlsausbrüche nicht belästigt werden sollen.

Amae ist aber mehr als Zurückhaltung bei Gefühlsäußerungen. Es erfüllt die Funktion eines Sicherheitskonzeptes. Andere Kulturen bieten psychische Stabilität durch religiöse Vorstellungen einer steuernden, aber auch beeinflussbaren Gottheit oder die Vorstellung der hohen Kompetenz eines freien "Ich", der "Lonely Cowboy Mentalität". Diese beiden, uns so vertrauten Vorstellungen fehlen bei den meisten Menschen in Japan.

Was ist Amae?

In seinem Vorwort zum Klassiker von Takeo Doi fasst E. Hollenstein das Prinzip schlaglichtartig zusammen

  • "... Der Mensch hat ein Recht auf Abhängigkeit."
  • "... in Abhängikeit läßt es sich wohlergehen ... amai bedeutet süß"
  • "... Das Kind, das von seiner Mutter geliebt wird, hat ein Recht das auszuleben."
  • "... Der Freiraum des Handelns des Kindes ergibt sich aus dem Schutzraum der Mutter ."
  • "... Das Kind darf verwöhnt werden und ist dann sorglos entspannt."

Amae, die Lust das fröhliche Baby einer großen Mutter sein zu dürfen, steht nicht im Widerspruch zur Leistungsforderung: die Mutter ist streng, setzt klare Grenzen und sagt was zu tun ist.

Um Amae zu erleben, sind nicht nur engvertraute Personen erforderlich, sondern auch Rituale der Verbundenheit und Orte, an denen solche Rituale zelebriert werden können: ein Garten, ein Schrein, ein Haus, ein vertrauter Platz, der ein sich Versenken ermöglicht, oder an dem man sich mit anderen trifft. Alles das ist in Japan bei vielen Menschen zerrissen worden und weggespült.

Guanxi

In China wird ein Amae vergleichbares Gefühl beschrieben. Guanxi ist mit einem Glücksgefühl verbunden, wenn das „Selbst“ als Teil eines harmonischen, komplexen Beziehungsgeflechtes klingt. Guanxi erfordert einen regen und ständigen gegenseitigen Austausch in einem dynamischen, mehrdimensionalen, lebenden Netzwerk, in dessen Zentrum die Familie steht. Zur Peripherie hin lockert es sich in den engeren Freundeskreis und dünnt sich schließlich wie eine Wolke aus, hin zu den Geschäftspartnern, Bekannten, Schülern oder Fremden, die nur sehr dosiert so viel geistige und materielle Leistungen erhalten, wie sie es wert zu sein scheinen. Wenn jemand „sein Gesicht verliert“, hat er in China nicht unbedingt eine Lähmung eines Gesichtsnerven erlitten, sondern sieht mit Entsetzen, wie sein lebensnotwendiges Beziehungsgeflecht wegbricht.

Kultur formt die Biologie

Amae und Guanxi sind nicht angeboren: es gibt dafür kein Gen.

Aber Amae und Guanxi werden offenbar so früh kulturell eingeprägt, dass sie die Hardware des Hirns verändern (2-4): u.a. konnten Studien zeigen, dass bei Nordamerikanern belohnende Hirnzentren aktiv werden, wenn man den Versuchspersonen sehr starke autonome Körperhaltungen oder Verhaltensweisen demonstrierte. Bei Menschen aus Ostasien leuchteten eher die entsprechenden Kontroll- und Gefühlszentren in den Scannern auf, wenn die vorgeführten Körperhaltungen und Verhaltensweisen Abhängigkeit vermittelten.

Das Gefühl von Amae wird durch die nuklearen Horrormeldungen und beschwichtigenden Botschaften, denen die Menschen im Norden Japans gerne glauben würden, aber offenbar nicht glauben können, immer tiefer erschüttert.

Die menschliche Tragödie ist daher noch unfassbarer als wir, die wir weit entfernt in scheinbarer Sicherheit leben, erahnen können.

Literatur

  1. Takeo Doi, Amae - Freiheit in Geborgenheit, Suhrkamp, 1982, ISBN 3-518-11128-0
  2. Jonathan B. Freeman: Culture shapes a mesolimbic response to signals of dominance and subordination that associates with behavior. NeuroImage 47 (2009) 353–359
  3. Beth Azar: The burgeoning field of cultural neuroscience is finding that culture influences brain development, and perhaps vice versa. 2010, American Psychological Association Vol 41 (10) 44
  4. Ying Zhu et al: Neural basis of cultural influence on self-representation, NeuroImage 34 (2007) 1310–1316

 

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