Risikokommunikation Teil 3

Die vorliegende Reihe wurde im Wesentlichen angeregt durch eine lesenswerte Ausgabe des Belle Newsletters von 2002 (Vol. 11, No. 1, October 2002, ISSN 1092-4736 [VOLLTEXT]). Am Beispiel der "Hormesis", einer Hypothese über mögliche positive biologische Wirkungen von Schadstoffen, erläuterte der Autor jenes Artikels, Prof. Ortwin Renn (Wissenschaftlicher Direktor: IASS), detailliert und systematisch die Grundprinzipien der Risikokommunikation. 

Wir beabsichtigen im Zuge der hier begonnenen Reihe, die wichtigsten Punkte der verlinkten Übersichtsarbeit Renns zu diskutieren, in Anlehnung an seine Systematik, thematisch jedoch mit Fokus auf Reisemedizin, Tropenmedizin, Umweltmedizin und Medizinischem Coaching.
 

Wer ist beteiligt?
Renn betont: Für Sicherheitsbelange zuständige Behörden werden im Allgemeinen dazu tendieren, das Risiko durch Schadstoffbelastungen für die Bevölkerung möglichst gering zu halten, u.a. durch Festlegung möglichst niedriger Grenzwerte. Hier gilt das Motto „better safe than sorry“. Es mag Ausnahmen von dieser Regel geben, sobald nämlich eine Verringerung von Schwellenwerten mit großem Aufwand für die Industrie verbunden wäre, kann die Aussicht auf hohe Kosten oder verringerte Gewinne zu einer Intensivierung der Lobby-Aktivitäten führen. Politische oder behördliche Entscheidungsträger können nicht nur durch direkte Lobby-Arbeit, sondern auch indirekt durch Förderung wissenschaftlicher Projekte und Publikationen beeinflusst werden. Von Unternehmen gesponserte Studien müssen keinesfalls qualitativ schlecht sein, in der Summe kommen sie jedoch häufiger zu einer optimistischen Einschätzung als die Artikel, die aus unabhängiger Forschung resultieren, ganz zu schweigen von klar aus Marketinggründen verfassten Beiträgen in Fachzeitschriften. In diesem Zusammenhang spricht man von „product defense“ oder „strategic science“. Ein Beispiel hierfür ist die Einflussnahme wirtschaftlicher Interessengruppen auf den Bereich der Asbestforschung.

An der Risikokommunikation sind - Renn zufolge - viele Gruppen beteiligt: Die Öffentlichkeit, aber auch Behörden, der Gesetzgeber, politische Parteien, Experten, Wirtschaftsunternehmen, Medien und Nichtregierungsorganisationen. Oft muss die Verständigung in einer Situation erfolgen, in der allgemeine Konfusion besteht und Emotionen wie Wut oder Panik vorherrschen, bei unklarer Sachlage und unter Berücksichtigung konträrer politischer Auffassungen, also unter hochkomplexen Bedingungen. Wie könnte Risikokommunikation unter diesen Umständen aussehen?

Der Experte wird dazu tendieren, vor allem seine Kompetenz herauszustellen, während die besorgte Bevölkerung meist überhaupt nicht an wissenschaftlichen Details interessiert ist, sondern erfahren möchte, welche Konsequenzen z.B. eine Exposition mit einem Schadstoff für sie haben könnte. Sind verschiedene Gruppen involviert, die alle unterschiedliche Interessen haben, ist es zunächst sinnvoll, nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen. Wichtig ist, sich ein Bild von den Erwartungen und Bedürfnissen des Publikums, einschließlich der einzelnen Gruppierungen innerhalb des Publikums, zu machen.

Drei Ebenen (nach O. Renn) 
Auf dem niedrigsten Kommunikationslevel (Level I) geht es um

  • Gesicherte Evidenzen und bekannte Wahrscheinlichkeiten
  • Erwünschte/unerwünschte Wirkungen
  • Quantitative Zusammenhänge
  • Was wissen wir nicht?
  • Technische Aspekte

Grundlage ist eine Gesprächsführung, die es den Teilnehmern ermöglicht, offen über ihre Ängste und Bedenken zu sprechen. Auch sollte die Gelegenheit genutzt werden, um etwaige Missverständnisse in Bezug auf technische Zusammenhänge zu erkennen und ggf. zu korrigieren. Ein gelegentliches technisches Missverständnis hinsichtlich der Verträglichkeit von Impfstoffen ist z.B. die Sorge, eine Grippeimpfung könnte kausal eine Influenza auslösen. Da es sich bei konventionellen Grippeimpfstoffen jedoch um inaktivierte Impfstoffe gegen Influenza handelt, die keinerlei lebende Erreger mehr enthalten, wäre diese Sorge schon vom rein technischen Standpunkt aus unbegründet.

Auf einer höheren Ebene (Level II) der Debatte geht es darum, wie wir mit Risiken umgehen. Auf dieser Ebene spielt die Kompetenz und Glaubwürdigkeit der Institutionen, die mit dem Thema befasst sind, eine große Rolle. Bereits in der Vergangenheit sollten sich die Institutionen als kompetent und glaubwürdig erwiesen haben. So genießen Einrichtungen wie das Robert Koch Institut oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zumindest in der breiten Masse der Bevölkerung eine gute Vertrauensbasis, aufgrund derer manche Empfehlungen flächendeckend durchsetzbar werden, die unter anderen Bedingungen, zum Beispiel als Initiativen der Privatwirtschaft, kaum eine Chance hätten. Daher ist es wichtig, dass solche Institutionen sich ihren guten Ruf bewahren, bzw. sich des in sie gesetzten Vertrauens der Bevölkerung als würdig erweisen. Entsprechende Diskussionen wurden im Zusammenhang mit einem möglichen Einfluss der Pharmaindustrie auf Mitglieder der Ständigen Impfkommission (STIKO) geführt.

Auf der höchsten Ebene (Level III) spielen allgemeine Wertvorstellungen die Hauptrolle. Steht eine bestimmte Risikoeinschätzung den eigenen Wertvorstellungen oder dem eigenen Lifestyle diametral entgegen, so wird man sie im Allgemeinen ablehnen, egal mit welcher fachlichen Expertise sie vorgetragen wird und egal wie ehrenwert die Institution ist, die dahinter steht. Selbst ein offener Kommunikationsstil hilft dann nur wenig weiter. 

Wenn auf Level I und II keine Verständigung und keine Kompromisse möglich sind, dann liegt es häufig daran, dass ein grundlegendes Hindernis für die Verständigung auf dem Level III besteht. Dies kann beispielsweise eine Rolle spielen, wenn aus weltanschaulichen Gründen auf Impfungen verzichtet wird. Zum Beispiel wurde im Jahr 2001 eine Waldorfschule zum Ausgangspunkt für eine Masern-Epidemie in Coburg.

Level III-Debatten (nach O. Renn) 
Hilfreich für das Führen von Level III – Debatten können sein:

Hierbei geht es darum, in den Gesprächen ein Gefühl von Vertrauen und gegenseitigen Respekt zu entwickeln. Im Vordergrund steht die Suche nach Werten, die die Diskussionsteilnehmer miteinander teilen. Die erarbeiteten Lösungsansätze sollten für alle Teilnehmer akzeptabel oder zumindest tolerabel sein.

Was schief gehen kann (nach O. Renn)
Oft wird von Seiten der Experten oder seitens der Behörden versucht, Risikobewertung von Ebene III auf die Ebenen II oder I zu verlagern, oder Konflikte auf der Ebene II auf die Ebene I herunterzubrechen. Die Experten fühlen sich sicherer, wenn sie auf der Ebene der Evidenz oder der technischen Details diskutieren können. Statt den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Unbehagen zu thematisieren, werden Laien stattdessen auf diese Weise genötigt, ihr „Bauchgefühl“ zu rationalisieren und zu versuchen, dieses irgendwie in der Sprache der Fakten auszudrücken, was meist misslingt. Frustrationen sind vorprogrammiert und können sich in der öffentlichen Meinung in Form von Protesten oder sonstigen „Gegenaktionen“ äußern. Dieser Prozess führt statt zu einer Stärkung des gegenseitigen Vertrauens zu einer Zunahme von Misstrauen und Ernüchterung.

Ende Teil III

Fortsetzung folgt

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