Risikokommunikation Teil 2

Die vorliegende Reihe wurde im Wesentlichen angeregt durch eine lesenswerte Ausgabe des Belle Newsletters von 2002 (Vol. 11, No. 1, October 2002, ISSN 1092-4736 [VOLLTEXT]). Am Beispiel der "Hormesis", einer Hypothese über mögliche positive biologische Wirkungen von Schadstoffen, erläuterte der Autor jenes Artikels, Prof. Ortwin Renn (Wissenschaftlicher Direktor: IASS), detailliert und systematisch die Grundprinzipien der Risikokommunikation. 

Wir beabsichtigen im Zuge der hier begonnenen Reihe, die wichtigsten Punkte der verlinkten Übersichtsarbeit Renns zu diskutieren, in Anlehnung an seine Systematik, thematisch jedoch mit Fokus auf Reisemedizin, Tropenmedizin, Umweltmedizin und Medizinischem Coaching.

Schwellenwert
Für die statistische Bewertung eines Risikos, z.B. durch eine chemische Substanz, existieren drei unterschiedliche Sichtweisen:

  • Das Schwellenwert-Modell: Unterhalb einer bestimmten Konzentration wird von einer Unbedenklichkeit eines Stoffes ausgegangen. "Unbedenklichkeit" ist kein schönes Wort, es erweckt den Eindruck, als könne das Be-Denken von etwas falsch oder unnötig sein. Im Sinne von Paracelsus "All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist". Interessanterweise zeigten toxikologische Untersuchungen an Paracelsus´ sterblichen Überresten eine stark erhöhte Quecksilberkonzentration an, es wäre daher durchaus möglich, dass er selber an den Folgen einer Vergiftung verstarb. Vielleicht, so wird vermutet, versuchte er seine ebenfalls von Gerichtsmedizinern nachgewiesene Mittelohrentzündung mit einem Quecksilbersalz zu behandeln ("Paracelsus Arzt und Rebell"). Das Schwellenwert-Modell arbeitet mit Sicherheitsfaktoren. Wird eine wahrscheinlich ungefährliche Konzentration eines Stoffes ermittelt, so werden die Grenzwerte gerne noch um einen Sicherheitsfaktor von 10 bis 100 niedriger festgelegt.
     
  • Das LNT-Modell (engl. linear-no-threshold): Eine Unterscheidung zwischen gefährlich und nicht gefährlich lässt sich nicht angeben, es bestehen lediglich graduelle Unterschiede. Also jeden Konzentration oder Stoffmenge über Null gilt noch als riskant (Stochastische Effekte). Die halbe Menge eines Gefahrstoffes wäre demzufolge (näherungsweise) nur halb so gefährlich wie die gesamte Menge. Dieses Modell wird vor allem angewendet im Hinblick auf Dosen ionisierender Strahlung sowie bei Kanzerogenen. Man geht innerhalb dieses Modells davon aus, dass selbst geringste Mengen krebserregender Substanzen mit einer gewissen statistischen Häufigkeit Krebs auslösen können. Aus Gründen der Praktikabilität wird jedoch oft doch ein Schwellenwert-Modell herangezogen, selbst wenn es eigentlich um stochastische Effekte geht. Allerdings wird das „Unbedenklichkeitslevel“ dann auf ein sehr niedrige Konzentrationen festgelegt. Gefährliche Substanzen werden aus diesen rein pragmatischen Gründen in Konzentrationen 10 hoch minus 6 so behandelt, als wenn sie ungefährlich wären. Die Anwendung des LNT-Modells auf Fragestellungen in der Medizin erwies sich als sehr nützlich. Die Vorstellung "ein Bischen schadet nie" ist hier weit verbreitet. So konnte die Sozialmedizinerin Alice Stewart nur gegen große Widerstände aufzeigen, dass ionisierende Strahlung auch in minimalen Dosen ein - wenn auch statistisch nur schwer fassbares - Risiko darstellt. Aufgrund ihrer Forschungsarbeiten werden heute keine Röntgenuntersuchungen in der Schwangerschaft mehr durchgeführt.     
     
  • Hormesis: Ein wissenschaftlich recht umstrittenes Modell, jedoch nicht zu verwechseln mit der Homöopathie, das davon ausgeht, dass schädliche Substanzen, evtl. sogar Kanzerogene, in geringer Dosierung positive Effekte haben könnten. Die Schädlichkeit könnte sich demzufolge in abnehmender Konzentration überdurchschnittlich - also nonlinear – vermindern, bis dann ab einem gewissen Punkt – irgendwo unterhalb des NOAEL - sogar positive Effekte erzielt werden. Die Mehrzahl der Toxikologen lehnt vor allem bei hochtoxischen Stoffen das Hormesis-Konzept ab und favorisiert bei Kanzerogenen und ionisierender Strahlung das LNT-Modell. Ein endgültiger Beweis für die „Richtigkeit“ lässt sich weder für das LNT- noch für das Hormesis-Modell erbringen, zumindest dann nicht, wenn es um äußerst geringe Konzentrationen gefährlicher (mutagener etc.) Substanzen geht.

Herausforderung Risikokommunikation
Geht es um Verunreinigungen durch hochtoxische Chemikalien oder auch um seltene, aber sehr schwere Nebenwirkungen von Arzneimitteln oder Impfungen, so sind Industrie und Experten zunächst einmal mit der berechtigten Forderung der Öffentlichkeit nach einem „right to know“ konfrontiert.

  • Mindestens genauso wichtig ist das "right to know what we don't know" (Das Wissen, von dem wir wissen, dass wir es nicht haben)
  • Die meisten Katastrophen traten in Situationen auf, die niemand für möglich gehalten hätte. Hier haben wir es mit dem Wissen zu tun, von dem wir nicht einmal wissen, dass wir es nicht haben (Black Swan-Konzept von Nassim Nicholas Taleb). 
  • Für den Umgang mit Unsicherheit gibt es gute Empfehlungen: Keine heroischen Interventionen, Interventionen durch Langzeitstudien begleiten, im Zweifel nicht schaden, d.h, wenn es schaden könnte, es im Zweifel unterlassen.
  • Eine gute Aufklärung beinhaltet nicht nur Angaben zu häufigen, sondern auch zu seltenen aber umso gravierenderen Risiken. Mit modernen analytischen Methoden, lässt sich buchstäblich das Dioxin im Trinkwasser bzw. im Hühnerei nachweisen. Die Nachweisgrenzen sinken kontinuierlich mit der verbesserten Technik.

Hierdurch ergibt sich ein Dilemma. Es sollte über Dioxin in Lebensmitteln aufgeklärt werden. Schlicht, weil man in der Lage ist, es nachzuweisen, hat die Öffentlichkeit ein (zumindest moralisches) Recht darauf, über Dioxin in Lebensmitteln informiert zu werden. Welche Bedeutung nun überspitzt ausgedrückt, das einzelne Molekül Dioxin für die Gesundheit des Konsumenten hat, kann niemand sagen. Etwas besser, wenn auch nicht viel besser, sieht es bei Medikamenten und Impfstoffen aus. Hier ist zumindest im Prinzip eine Nutzen-Risiko-Abwägung möglich. Also die Einschätzung, ob die Wahrscheinlichkeit positiver Effekte die Wahrscheinlichkeit negativer oder gar gefährlicher Wirkungen deutlich(!) übersteigt. Meist fehlt jedoch die Evidenz, das heißt, es existieren nur wenig Daten zu seltenen Ereignissen oder Langzeitfolgen, selbst das Ausmaß des Nutzens ist bei Impfungen im Falle sehr seltener Erkrankungen (Beispiel: Japanische Enzephalitis) nicht ohne Weiteres quantifizierbar. 

Ende Teil II. Fortsetzung folgt.

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