Risikokommunikation Teil 1

Die vorliegende Reihe wurde im Wesentlichen angeregt durch eine lesenswerte Ausgabe des Belle Newsletters von 2002 (Vol. 11, No. 1, October 2002, ISSN 1092-4736 [VOLLTEXT]). Am Beispiel der "Hormesis", einer Hypothese über mögliche positive biologische Wirkungen von Schadstoffen, erläuterte der Autor jenes Artikels, Prof. Ortwin Renn (Wissenschaftlicher Direktor: IASS), detailliert und systematisch die Grundprinzipien der Risikokommunikation. 

Wir beabsichtigen im Zuge der hier begonnenen Reihe, die wichtigsten Punkte der verlinkten Übersichtsarbeit Renns zu diskutieren, in Anlehnung an seine Systematik, thematisch jedoch mit Fokus auf Reisemedizin, Tropenmedizin, Umweltmedizin und Medizinischem Coaching

 

Einführung
Sich Sorgen machen und Angst vor möglichen Bedrohungen des Lebens und der Gesundheit haben, ist ein kulturübergreifendes Phänomen. So geschieht es nicht selten, dass im Zuge von Epidemien nennenswerte Teile der Bevölkerung aus der betroffenen Region fliehen und buchstäblich Haus und Hof, also ihre Lebensgrundlage aufgeben, aus Furcht, einer Seuche zum Opfer zu fallen. Dies geschieht mitunter selbst dann, wenn nüchtern betrachtet gar keine unmittelbare Gefahr besteht. Es kann sehr schwierig sein, Menschen, die sich in Panik befinden, davon zu überzeugen, dass es besser wäre, die Heimat nicht zu verlassen, wenn zum Beispiel mögliche Nachteile der Flucht mögliche Risiken des Bleibens überwiegen. Die andere Seite der Medaille sind Einflüsse, die mit den Sinnen nicht erfasst werden, aber bei langfristiger Exposition zu schwerer Krankheit oder Tod führen können. Dann, wenn keine Veränderungen wahrnehmbar sind, sich unsere Nachbarn und Kollegen völlig normal verhalten und keine Warnungen durch die Behörden oder Medien ausgesprochen werden, fühlen wir uns sicher. Selbst dann, wenn wir, wie Millionen Menschen in Bangladesch unseren gesamten Wasserbedarf mit stark Arsen-kontaminiertem Brunnenwasser decken.

Basis der Risikobewertung
Die Grundlage der Risikokommunikation scheint die Präsentation von Expertenmeinungen gegenüber der Öffentlichkeit zu sein. Hier besteht ein Dilemma in der Verständigung zwischen Experten und Laien, das der Organisationsforscher Karl Weick sinngemäß so beschrieben hat: Was für den Laien interessant oder relevant ist, ist für den Experten banal und umgekehrt. Ganz zu schweigen von fehlendem Vertrauen in das Urteil des Fachmanns. Daraus kann sich für einen Experten möglicherweise die traumatische Erfahrung ergeben, dass seine Einschätzung von der Öffentlichkeit rundweg abgelehnt wird.

Hier ist es häufig so, dass "Laien" und Experten sich auf ganz unterschiedlichen Kommunikationsebenen bewegen, also unterschiedliche Kodierungen, Sende- und Empfangsfrequenzen oder Sprachen nutzen:

  • In Panik geht nur Angreifen oder Fliehen/Vermeiden. Rationale Information kann nicht wahrgenommen werden, da das Gehirn (u.a. vom Locus coeruleus) mit Noradrenalin überschwemmt wird.
  • In Angst besteht eine Blockade von Neugier. Ein Explorieren geschieht erst dann, wenn man etwas als relativ harmlos ansieht. Auch hier ist Information u.U. nicht nützlich, weil Angst entsteht, wenn zuviel Information einflutet, die nicht sinnvoll für den persönlichen Kontext eingeordnet werden kann.
  • Emotionale Ruhe (Aufmersamkeit): Information kann vermittelt werden und bleibt haften, wenn sie dem Zuhörer ermöglicht, sie mit eigenen Konzepten und Erfahrungen zu verbinden. Widerspricht sie eigenen Konzepten (Festgefahrene Erkenntniswelt, Ideologie, Dogma) wird Information gelöscht oder einzelnes überhöht/verdreht, um es widerlegen zu können, oder es entsteht wieder Angst/Aggression/ Panik.

Die Kunst der Risikokommunikation ist daher aus einer psychologischen Sicht

  1. Panik und Angst nehmen. Dh. versichern, dass es gut werde, wenn man das richtige tue. Sicherheit bieten
  2. Eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen in dem sich die Adressaten aufgehoben fühlen
  3. Sparsam mit Info umgehen, nicht zuviel Neues, was den manifestierten Konzepten und Alltagserfahrungen der Zuhören widersprechen könnte
  4. Information mit Hilfen verbinden (Bildern, Metaphern), die eine Verknüpfung mit der eigenen Erlebniswelt unterstützen. Sodas ein Sinn entsteht für eigenes Handeln

Negative Risikokommunikation im Business der Scharlatan-Medizin läuft aber genau entgegengesetzt:

  • Erst Angst machen oder noch besser Panik auslösen, damit das Denken aufhört ("Was? Sie haben noch nie was von der Andropause beim Mann gehört und den katastrophalen Folgen, die sich daraus ergeben???")
  • Dann Produkt verkaufen (Hormon- und Vitamintherapien bei Männern über 45)

Eine gelungene Risikokommunikation setzt gemäß Prof. Renn voraus, dass Laien und Experten bereit sein sollten, eine andere Perspektive einzunehmen und Neues aus der Begegnung zu lernen. Viele Experten leben in der "Spiegelwelt" ihrer bisher gemachten Erfahrungen (self-fullfilling) und Konzepte. Zum Beispiel wurde die Arsen-haltigen "Fowler Solution" über 150 Jahre gegen eine Vielzahl von Krankheiten und als allgemeines Stärkungsmittel angewendet. Auf der anderen Seite wollen viele Laien bei Risiken Kerzen in Lourdes anzünden und nicht hören, dass es auch andere Beruhigungsmethoden geben könnte. Die rein logisch rationale Ebene ist zwar wichtig, spielt jedoch in der Realität bei Entscheidungen und Risikowahrnehmungen meist keine große Rolle.

Notwendig (aber nicht hinreichend) für die Verständigung über ein Risiko, also beispielsweise das Auftreten einer seltenen Erkrankung im Zusammenhang mit einer Impfung (Narkolepsie und Schweinegrippe). ist zunächst einmal die reine Statistik. Wie häufig kommt ein Ereignis überhaupt vor? Oder in abgewandelter Form u.a. die "Number needed to treat" (NNT), die beispielsweise angibt, wie viele Personen, die in Typhus-Risikogebieten leben, eine Typhusimpfung erhalten müssen, um statistisch einen Fall der Erkrankung zu verhindern. In diesem Fall wurde die NNT in einer zusammengefassten Auswertung (Meta-Analyse) mit 237 angegeben [PDF].

Ebenfalls hilfreich kann es sein, das Risiko, das einem Patienten oder Reisenden Sorge bereitet mit der Höhe eines Alltagsrisikos zu vergleichen. Also beispielsweise der Hinweis darauf, dass eine lebensgefährliche Impfnebenwirkung u.U. weniger wahrscheinlich wäre als ein tödlicher Verkehrsunfall. Solche Vergleiche können auch taktisch eingesetzt werden, wenn argumentativ ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. 

  • Erfahrungsgemäß ist ein Gegenüberstellen der nackten Wahrscheinlichkeiten wenig hilfreich, um Sorgen zu bewältigen, da Angst ein Zustand ist, der sich nicht allein über rationales Denken erklären oder verändern lässt.
  • Ängstliche können nicht durch Informationen erreicht werden, solange sie ängstlich sind.
  • Andererseits macht der Rauchertod den Rauchern keine Angst, nicht weil notwendigerweise etwas mühsam verdrängt wird, sondern weil die Informationen nicht in einen persönlichen Bezug gesetzt werden. Die Botschaft wird dann schlicht gelöscht oder verdreht, um sie abwehren zu können

Die meisten „Ängstlichen“ lassen sich also nicht allein mit logischen Argumenten überzeugen, zumal subjektiv auch noch ein erheblicher Unterschied besteht, ob man sich bewusst dafür entscheidet, ein bestimmtes Risiko einzugehen (Raucher, Autofahrer etc.) oder einem ein Risiko durch die Umstände aufgezwungen wird (Asbestbelastung, Kriminalität etc.).

Die Angabe von Wahrscheinlichkeiten, sofern diese bekannt sind, ist jedoch zunächst ein guter Ausgangspunkt, um sich wissenschaftlich mit einem Risiko zu beschäftigen. Sofern jemand ruhig über Wahrscheinlichkeiten nachdenken kann und will. Dazu muss er beruhigt sein. Vorschlag: Klares Denken erwartet man von einem Kapitän, der auch in einer brenzligen Situation, wie z.B. in einem Sturm, keine Angst hat und somit zu rationalem Handeln fähig ist. Seinen ängstlichen Matrosen, die ihm vertrauen und an ihn glauben, erteilt er klare Befehle und redet nicht über Wahrscheinlichkeiten.

Ende Teil I. Fortsetzung folgt.

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