Nicht-übertragbare Erkrankungen (NTD) in Entwicklungsländern

Bei Gesundheitsrisiken in den Tropen denken wir meist an exotische Infektionskrankheiten. Es scheint deshalb folgerichtig zu sein, dass nur etwa drei Prozent der Entwicklungsgelder für die Bekämpfung nicht-übertragbarer Erkrankungen aufgewendet werden. Weitgehend unbeachtet nehmen aber in Entwicklungs- und Schwellenländern auch Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes zu:

  • Etwa 63% aller weltweiten Todesfälle (36 Mio. von 57 Mio. im Jahr 2008) entfallen auf nicht-übertragbare Erkrankungen (NTD).
  • Etwa 80% der weltweiten Todesfälle infolge kardiovaskulärer Erkrankungen und Diabetes und 90% der Todesfälle durch chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen (COPD) finden sich in den Entwicklungs- und Schwellenländern.
  • Auf die unter 60-Jährigen entfallen 29% der Todesfälle in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber nur 13% der Todesfälle in den Industrieländern.

Häufige Todesursachen (jährlich weltweit):

  • 6 Mio. Todesfälle als Folge von Tabak-Konsum
  • 3,2 Mio. Todesfälle als Folge körperlicher Inaktivität
  • 2,3 Mio. Todesfälle infolge von Alkohol-Missbrauch
  • 7,8 Mio. Todesfälle als Folge von erhöhtem Blutdruck
  • 2,8 Mio. Todesfälle infolge von Übergewicht

 Ökonomisch sind vor allem die folgenden Erkrankungen relevant, da sie mit erheblichen volkswirtschaftlich Belastungen einhergehen:

  • Psychische Leiden und Störungen, inkl. Suchtverhalten
  • Tumorerkrankungen
  • Herzleiden
  • Schlaganfälle
  • Diabetes
  • Atemwegserkrankungen (chronisch obstruktiv, COPD)

Betreffen diese Krankheiten ein Familienmitglied, besteht für Familien in Entwicklungsländern ein hohes Verarmungsrisiko.

Maßnahmen
Die Lancet NCD Action Group erarbeitete für die UN die folgenden Empfehlungen zur Eindämmung nicht-übertragbarer Erkrankungen. Die Umsetzung der Empfehlungen könnte nach Einschätzung der Experten die Zahl der Todesfälle durch NTD um jährlich 2% senken.

  • Reduktion der täglichen Salzaufnahme auf weniger als 5 Gramm pro Person bis 2025
  • bessere Verfügbarkeit und Nutzung gesünderer Lebensmittel (weniger Zucker, weniger Fett)
  • Steigerung der körperlichen Aktivität
  • Verringerung des Alkoholkonsums
  • Verfügbarkeit der wichtigsten Medikamente zur Basisversorgung von Patienten mit NTD
  • erreichbare Anlaufstellen zur medizinischen Versorgung

Eine weitere wichtige Maßnahme sind Kampagnen gegen den Tabakkonsum. Darüber hinaus sind Aufklärungskampagnen zu NTDs über die Medien von Bedeutung sowie die Nutzung von Synergien von Anti-NTD-Programmen und anderen Gesundheitsprojekten.

Weitere Verbesserungen lassen sich durch neue Gesetze im Arbeitsrecht erzielen. Zum Beispiel durch Verbot von Rauchen am Arbeitsplatz, gesetzliche Auflagen hinsichtlich sonstiger Schadstoffbelastungen, geregelte arbeitsmedizinische Untersuchungen und Anbieten gesunder Nahrungsmitteln am Arbeitsplatz.

Entwicklung
Eine wichtige Herausforderung besteht darin, neue Kombinationsmedikamente zu entwickeln, die eine preisgünstigere Behandlung von NTDs erlauben und in ausreichender Menge produziert werden. Da eine bloße „Verteilung“ von Medikamenten bei NTDs nicht ausreicht, sondern die Behandlung auch ärztlich überwacht werden muss (Beispiel: regelmäßige Blutzuckermessungungen und medikamentöse Einstellung bei Diabetikern) ist die Schaffung einer regionalen Gesundheitsinfrastruktur erforderlich. Idealerweise sollten regionale Gesundheitszentren auch an Universitäten angebunden sein. Schließlich sollte auch die städtische Infrastruktur verändert werden, vor allem mit Schaffung angemessener Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung und Erholung.

Risiken
Fehlplanungen und falsche Anwendung der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel könnten zum Zusammenbruch der fragilen Gesundheitssysteme von Entwicklungs- und Schwellenländern führen.Besondere finanzielle Risiken drohen dann, wenn Medikamente (z.B. Cholesterin-Senker) ausschließlich auf Grundlage von Laborwerten verschrieben werden. Die Missachtung der alten Medizinerweisheit „Wir behandeln Patienten und keine Laborwerte“ könnte teuer werden. Grenzwerte in der Labormedizin sind stets ein stückweit willkürlich gewählt und erlauben nicht ohne Weiteres die Unterscheidung zwischen „gesund“ und „krank“. Nicht zuletzt üben Pharmazeutische Unternehmen stets einen gewissen Einfluss auf die Festlegung aus, ab welchem Laborwert ein bestimmtes Medikament angewendet wird. Vor allem bei nur leicht über der Norm liegenden Werten ist oft fraglich, ob der Nutzen das Risiko einer Anwendung überwiegt. Hilfsprojekte müssen daher bereits in der Planungsphase dahingehend durchdacht sein, die Einflussmöglichkeiten privatwirtschaftlicher Lobbys dauerhaft gering zu halten.

Fazit
Nicht-übertragbare Erkrankungen tragen erheblich zu Krankheitsbelastung und Sterblichkeit der Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern bei, werden aber im Gegensatz zu Infektionskrankheiten durch internationale Hilfsorganisationen kaum berücksichtigt.Umfassende, sorgfältig durchdachte Programme zu Prävention, Diagnostik und Therapie dieser Leiden wären in hohem Maße wünschenswert.

Literatur

  • BMJ 2011, 342:d3823
  • BMJ 2011; 343:d5875
  • BMJ 2011;343:d4239

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