Langzeitaufenthalt im All Teil 2/ 2

Teil 2/2

 

Psychologische Faktoren
 
Ein Weltraum-Ausflug geht als Ausnahmesituation mit erheblichem Stress einher. Vor allem Schmerzen in Verbindung mit unnatürlichen Schlafhaltungen und Rhythmusstörungen  ("Sonnenaufgang" alle 90 Minuten) scheinen die Entwicklung einer depressiven Verstimmung zu fördern, sobald die erste Anfangseuphorie verflogen ist. 

Bei längeren Aufenthalten spielen nicht nur medizinische Aspekte eine Rolle, sondern auch gruppendynamische. Der längste bisherige ununterbrochene Weltraumaufenthalt eines Astronauten liegt bei 437 Tagen. Der Hinflug zum Mars würde nach heutigem Stand der Technik etwa 250 Tage dauern.  Die Gesamtabwesenheit von der Erde würde also mindestens 2,5 Jahre betragen. Die Isolation einer Gruppe über solche Zeiträume könnte zu erheblichen Spannungen führen, wodurch die gesamte Mission und das Überleben der einzelnen Teammitglieder gefährdet werden könnte.

Bildquelle: Till Bartels

Psychologen haben sich daher dieses Themas angenommen und von der Außenwelt isolierte Gruppen z.B. auf Forschungsstationen in der Antarktis untersucht. Immer dann, wenn kleine Gruppen über längere Zeiträume miteinander auskommen müssen, kommt es zu "familiären" Spannungen. Unter solchen Bedingungen mit den Schwächen und Eigenarten seiner Mitmenschen konfrontiert zu werden und sich diesen Eigenarten ausgeliefert zu fühlen, mündet fast zwangsläufig in Frustrationen und Streit. Bei einem gemeinsamen Flug zum Mars gäbe es kaum Möglichkeiten, einander aus dem Weg zu gehen. Das Team muss daher Wege finden, Konfliktpotenziale rechtzeitig zu erkennen, anzusprechen und Missstimmungen zügig und konstruktiv aus der Welt zu schaffen, ohne etwas "unter den Teppich zu kehren", aber auch ohne auf etwas "herumzureiten". Auch gemischte Gruppen aus Männern und Frauen können dazu beitragen, das Aggressionspotenzial gering zu halten. Viele Männer auf engem Raum zeigen schnell Zeichen von Stress, streiten miteinander und/oder mit der "Bodenstation". Auch die Gruppegröße ist ein wichtiger Faktor, ideal dürften sieben bis acht Personen sein. Auch wurde die Meinung geäußert, die Mars-Crew sollte sich aus drei bis vier verheirateten Paaren zusammensetzen. Ob dies bei Scheidungsraten von etwa 50% in unserer westlichen Gesellschaft tatsächlich eine gute Idee ist, sei dahin gestellt. Ein Rosenkrieg im All ließe sich jedenfalls bei dieser Variante nicht ausschließen. Da mit zunehmendem Alter die sozialen Fähigkeiten zu, die körperliche Fitness jedoch abnimmt, wäre eine Crew im mittleren Alter wohl am besten für die Mars-Mission geeignet.

 

Bildquelle: Werner Schönherr

Die wichtigsten Faktoren für das gute Zusammenarbeiten sind:

  • Gruppengröße
  • Persönlichkeitsstruktur der einzelnen Personen
  • Art der Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern
  • entsprechende fachliche Qualifikation, die es erlaubt, sich fachlich gegenseitig zu ergänzen

Bevor sie zum Mars geschickt werden, müsste das Team den Ernstfall, d.h. die völlige Isolation der Gruppe von der Außenwelt zunächst auf der Erde gut hinter sich bringen. Der Psychologe Freiberg fand heraus, dass sobald Menschen in isolierten Gruppen einem geringeren Stress ausgesetzt sind, sobald sie gelernt haben, dass Konflikte unvermeidbar sind. Ein weiteres psychologisches Problem bei Langzeitaufenthalten ist die Trennung von wichtigen Bezugspersonen (Freunde/Familie etc.) und Ereignissen. Gelänge es, Gefühle von Einsamkeit zu vermeiden, so könnte die Effizenz der einzelnen Teammitglieder erheblich gesteigert werden. Hilfreich wären regelmäßige Nachrichten, die die Raumfahrer von ihren Angehörigen bekommen, auch allgemeine Nachrichten über Neues auf der Erde wären wahrscheinlich sehr willkommen. Interessanterweise würden nach Einschätzung einiger Psychologen introvertierte Personen und jüngere Männer wahrscheinlich besser mit der Isolation zurechtkommen als Extrovertierte und ältere Männer. In jedem Fall wird eine psychologische Betreuung während des Fluges als sinnvoll angesehen.

Zu viel Arbeit und zu wenig Freizeit könnte auf dem Flug zum Mars genauso zu Problemen führen wie zu viel Muße und intellektuelle Unterforderung. Das Leben der Astronauten lässt sich abwechslungsreicher gestalten durch

  • Bewegungsprogrammen, die den einengenen Raumbedingungen Rechnung tragen (Ausmerksamkeitstrainings)
  • Spiele, die intellektuell und oder körperlich fordern und der Kommunikation dienen
  • Möglichkeiten, ein eigenes Hobby zu pflegen
  • Größere Auswahl an Speisen
  • Abwechslung in den Dienstverpflichtungen, und körperliche/geistige Herausforderungen, die ohne Stress bewältigt werden können

Bildquelle: Karoline Bloch

Neben psychologischer Betreuung und abwechslungsreichem Leben an Bord des Raumschiffes kommt der Rolle des Anführers eine besondere Bedeutung zu. Ein/e "Kapitän/in" sollte

  • bestehende Allianzen ausbauen,
  • die Gruppe zu konstruktiver Problemlösung motivieren und inspirieren,
  • die einzelnen Kollegen in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen,
  • die Sicherheit der Crew über seine eigene stellen,
  • Kompetenz im Schlichten von Streitigkeiten zwischen den Teammitgliedern haben.

 

Bildquelle: Karoline Bloch

Fazit

Nicht nur im Sport, sondern auch für Projekte der Raumfahrt gilt: der Erfolg wird letzlich "im Kopf"entschieden. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass in puncto Gesundheit ein hoher Preis zu zahlen sein wird.

Quellen

  • Ziegler MG, Meck JV. Physical and psychological challenges of space travel: an overview. Psychosomatic Medicine 2001; 63: 859-861.
  • Nicholson-Hutt A. Psychology and Space Travel: Planning for a Mars Mission
  • Ullrich O, Bolshakova O, Paulsen K. Funktion des Immunsystems in Schwerelosigkeit. FTR 2011; 18: 118-122.

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