Gesundheitsprobleme auf Reisen: ?der kleine Unterschied?

Die renommierte Schweizer Reisemedizinerin Patricia Schlagenhauf untersuchte gemeinsam mit zahlreichen internationalen Kolleginnen und Kollegen, inwieweit Frauen und Männer sich im Hinblick auf Gesundheitsprobleme im Ausland voneinander unterscheiden. Zunächst reisen Männer etwas häufiger als Frauen (53% vs. 47%). Deutlich überproportional sind die Männer bei Geschäftsreisen vertreten (74% vs. 26%). Gesundheitsprobleme bei Auslandsaufenthalten sind nicht ungewöhnlich. Meist sind es aber nur harmlose und schnell vorübergehende Beschwerden. Noch immerhin acht Prozent aller Reisenden benötigen medizinische Hilfe. Viele Faktoren können einen Einfluss darauf haben, ob man zu diesen acht Prozent gehört oder nicht. Z.B. Dauer des Aufenthaltes, Reisestil (Abenteuer- vs. Badeurlaub), Ernährungsgewohnheiten, Mückenschutz, Stärke des Immunsystems, Art der Teilnahme am Straßenverkehr, Umfang der Kontakte mit Einheimischen und vieles andere mehr.

 

Relatives Risiko
So wie man für jedes Merkmal (z.B. Raucher/Nichtraucher) aufschlüsseln kann, ob es einen Risikofaktor für eine bestimmte Krankheit darstellt, so kann mittels der gleichen statistischen Methoden auch überprüft werden, für welche Gesundheitsprobleme bei Frauen auf Reisen ein höheres Risiko besteht als bei Männern. Risikovergleiche dieser Art erfolgen oft unter Angabe des Relativen Risikos (RR, auch Odds Ratio: OR) . Ein Relatives Risiko von 1,5 bedeutet, dass Frauen um 50 Prozent häufiger erkranken als Männer. Ein RR von 2 oder 3 würde einem doppelt bzw. dreifach höherem Risiko entsprechen. Ein RR von 0,80 bedeutet umgekehrt, dass Frauen ein 20% geringes Risiko haben zu erkranken als Männer.

Untersuchte Gruppe
Die statistischen Unterschiede wurden anhand einer Gruppe von 58.908 international Reisenden ermittelt, die sich mit einem Gesundheitsproblem in einem medizinischen Zentrum vorstellten. Es wurden nur Behandlungszentren herangezogen, die Mitglied des GeoSentinal Netzwerks sind. Die Gruppe der Patienten bestand fast zu gleichen Teilen Frauen (50,3%) und Männern (49,7%).

Frauen häufiger betroffen
Obwohl Frauen statistisch signifikant häufiger als Männer eine reisemedizinische Beratung in Anspruch genommen hatten, waren sie auf Reisen zumindest von den folgenden Gesundheitsstörungen häufiger betroffen:

  • Reizdarm (OR 1,39)
  • chronische Diarrhoe (OR 1,28)
  • akute Diarrhoe (OR 1,13)
  • akute Diarrhoe mit Nachweis von Darmparasiten (OR 1,14)
     
  • akute Atemwegsinfektionen (OR 1,08)
  • Infektion der oberen Atemwege (OR 1,23)
     
  • Harnwegsinfektionen (OR 4,01)
     
  • psychische Beschwerden (OR 1,30)
  • Angst oder Erschöpfung (OR 1,27)

 
Männer häufiger betroffen
Es fanden sich jedoch auch eine ganze Reihe von Gesundheitsstörungen, die wiederum bei Männern häufiger beobachtet wurden als bei Frauen (die OR ist bezogen auf das Risiko von Frauen dann entsprechend kleiner als 1) :

  • Lungenentzündung (OR 0,53)
  • allgemeine fieberhafte Erkrankungen (OR 0,64)
  • Fieber mit Malaria (OR 0,46)
  • Fieber mit Hautausschlag (OR 0,15)
  • bestimmte durch Insekten oder Zecken übertragene Krankheiten* (OR 0,57)
     
  • sexuell übertragbare Erkrankungen (OR 0,68)
  • akute HIV-Infektion (OR 0,20)
     
  • Frostbeulen (OR 0,14)
  • Höhenkrankheit (OR 0,54)
     
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (OR 0,56)

*Rickettsiose und Leishmaniose

Ursachen
Es gar nicht einfach, die gefundenen Unterschiede zu erklären. Sind höhere oder geringere Risiken in einigen Fälle genetisch bedingt? Oder erklären sie sich eher durch unterschiedliche Verhaltensweisen? So könnte das höhere Risiko der Männer für Mücken-übertragene Tropenkrankheiten durch häufigeren/längeren Aufenthalt im Freien, durch eine für Mücken „attraktivere“ Schweißzusammensetzung, durch vermehrtes Schwitzen oder nachlässigeren Mückenschutz (z.B. Verzicht auf mehrmals tägliches Einreiben der Haut mit Repellents) begründet werden. Welcher dieser Faktoren eine wie große Rolle spielt, ist noch unbekannt.
Dass Frauen auf Reisen häufiger unter Darmbeschwerden leiden als Männer, erscheint im ersten Moment paradox, da es gerade die Frauen sind, die sich häufig reisemedizinisch beraten lassen. Hinweise zur Vermeidung von Darminfektionen durch Nahrungsmittel- und Trinkwasserhygiene nimmt in den Beratungen meist einen breiten Raum ein. Möglicherweise wird den Frauen gerade der Trend zum vermeintlich gesunden Essen zum „Verhängnis“. In Entwicklungsländern in denen oft noch mit Fäkalien gedüngt wird, sind Salate oder ungeschältes Obst oft massiv mit Darmbakterien kontaminiert. Daran ändert auch das kurze Abspülen (mit hoffentlich sauberem Wasser) in der Hotelküche nicht viel. Dass Männer weniger schnell zum Arzt gehen bzw. sich oft größeren Belastungen aussetzen, könnte – zumindest teilweise - das höhere Risiko für Herz-Kreislaufleiden, Lungenentzündung, Höhenkrankheit und Frostbeulen erklären.

Die Tatsache, dass Frauen auf Reisen häufiger über psychische Probleme klagen als Männer sollte auch bei der Auswahl geeigneter Malariamedikamente berücksichtigt werden. Im Zweifelsfall kann es sinnvoll sein, Medikamente mit einem möglichst geringen Risiko für neurologische Nebenwirkungen auszuwählen.
Das höhere Risiko für sexuell übertragbare Erkrankungen bei reisenden Männern mag nicht überraschen. Zudem nehmen Männer reisemedizinische Beratungen deutlich seltener in Anspruch als Frauen. Und selbst dort, wo ein Reisemediziner konsultiert wird, wird das Thema Sexualverhalten oft nicht angesprochen. Das Risiko für sexuell übertragbare Erkrankungen im Reiseland kann jedoch auch für eine Frau schnell erheblich werden, sobald sie nach dem Kennenlernen eines Mannes von einer festen Partnerschaft ausgeht und auf geschützten Geschlechtsverkehr verzichtet.

Fazit
Gesundheitsrisiken auf Reisen sind nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Verhaltensweisen bei Mann und Frau etwas unterschiedlich gelagert. Die Schwerpunkte lassen sich im Beratungsgespräch entsprechend setzen. So würden Frauen tendenziell eher von Informationen zu bedenklichen Speisen profitieren als von Tipps zur Vermeidung von Frostbeulen. Männern gegenüber kann es sinnvoller sein, stärker auf die Themen Mückenschutz und Safer Sex einzugehen als ausführlich über Risiken zu referieren, die von ungewaschenem Gemüse ausgehen.

Quelle

  • Schlagenhauf P, Chen LH, Wilson ME, et al. Sex and Gender Differences in Travel-Associated Disease. CID 2010; 50: 826-832.

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