Geburtshilfe bei Frauen nach der Flucht (Dr. H. Jäger, Textauszüge) - erweitert

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett  verlaufen bei allen Menschen nach den gleichen physiologischen Prinzipien.
Unter biologischen Gesichtspunkten unterscheiden sich weder die körperlichen noch die psychologischen Veränderungen in
 dieser Lebensphase. Die Unterschiede und Besonderheiten bei den Frauen, die aus anderen Kulturen einreisen, sind wichtig. Aber sie spielen bei einer empathisch-menschlichen Begegnung nur eine relativ kleine Rolle gegenüber den Signalen gesundheits- und krankheitsbedingter Symptome, die bei allen Frauen in sehr ähnlicher Weise auftreten können.  Körperlich messbare Krankheitserscheinungen und selbst Infektionen spielen im Alltag der Versorgung dieser Frauen eine wesentlich geringere Rolle als psychologische Parameter. Und wenn Krankheiten auftreten, sind sie so gut beherrschbar wie bei anderen Patientinnen.

Beispiel „Plötzliche Panikattacke“ 

Eine laut schreiende und sich windende Frau wird von Sanitätern aus Flüchtlingsunterkunft in die Klinik eingeliefert. Sie steht offenbar unter der Geburt. Schriftliche Befunde von Voruntersuchungen fehlen. Eine Untersuchung gelingt nicht, weil sie dagegen ankämpft. Die fetale Herzfrequenz scheint schlecht zu sein. Der Muttermund ist nicht vollständig eröffnet. Offenbar besteht ein Zustand nach Sectio. Im Lager seien zwei Kinder von ihr zurückgeblieben. Eine Anamnese oder Aufklärung ist ohne Dolmetscherin nicht möglich. Der Ehemann steht scheinbar unbeteiligt dabei und sagt nichts. Das gesamte Team bemüht sich um eine vernünftige Kooperation und scheitert. Schließlich kommt es aus kindlicher Indikation zur Sectio in Intubation.   Auch im OP ist die Kooperation mit der Patientin schwierig, so dass eine Spinalanästhesie nicht möglich ist. Nach Abklingen der Narkose nimmt die Mutter ihr Kind nicht zum Bonding an. Sie atmet immer wieder periodisch sehr schnell. Acht Stunden nach der OP kommt es bei ihr in einer Hyperventilation zu einer Erstickungsattacke. Sie wird als Panikstörung erkannt und die Frau allein durch liebevolle Betreuung (ohne Medikamente) rasch beruhigt werden. Was das Team nicht wusste, die Frau mir aber später bei einem privaten Besuch im Lager mit einem Übersetzer erzählte: Sie ist hoch gebildet und lebte ruhig und gut etabliert, bis ihr geliebter Ehemann vor ihren Augen erschossen wurde. Daraufhin floh sie völlig planlos mit ihren Kindern und erlebte auf der Flucht heftige körperliche und psychische Gewalt. Der Mann, mit dem sie es dann hierher geschafft hatte, war der Vater ihres Neugeborenen, dem sie dankbar war, weil er sie nicht schlug. Sein Kind wollte sie aber nicht. Was bei der Geburt geschah, emp-fand sie später als „neben sich stehend“, als eine unkontrollierbare Verzweiflungsattacke, in der alle und insbesondere genitale Gewalterfahrungen, die sie erlebt hatte, über sie einstürzten und sie handlungsunfähig machten. Um das Neugeborene kümmert sie sich so liebevoll wie um ihre anderen Kinder.
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Beispiel „ Not-Sektio“

Eine schwangere Frau aus Somalia wird wegen vorzeitiger Wehen stationär aufgenommen und erhält eine Lungenreifungsprophylaxe. Es ist die vierte Schwangerschaft. Ihren jetzigen Mann, der ebenfalls aus Somalia stammt, hat sie hier kennengelernt. Er spricht nach drei Jahren sehr gut Deutsch und hat einen Job. Sie spricht nur ihre Heimatsprache und Arabisch. Ihre ersten drei Kinder wurden vaginal geboren trotz FGM [engl.: female genital mutilation, FGM, Anm. d. Red.] im Mädchenalter. Die Kommunikation über den Ehemann als Dolmetscher ist sehr gut möglich. Sie fühlt sich stationär wohl und ist bald beschwerdefrei, so dass ihre Entlassung geplant wird. Sie freut sich auf ihre Kinder. Die Abholung durch den Ehemann verzögert sich aber, so dass sie mittags immer noch im Krankenhaus ist. Völlig unerwartet kommt sie plötzlich in den Kreißsaal. Sehr aufgeregt und offenbar unter Angst, was sonst nicht der Fall war. Sie will eine Kontrolle des Kindes und zeigt durch Gesten, dass sie sich plötzlich große Sorgen macht. Die fetale Herzfrequenz ist tatsächlich hochpathologisch, ohne Wehen und ganz anders als bei den Kontrollen zuvor, so dass schließlich eine Not-Sektio erforderlich wird. Ursache war vermutlich eine Insuffizienz der sehr kleinen Plazenta. Nach der Sectio erzählt sie über ihren Ehemann, sie habe plötzlich das Gefühl gehabt, ihr Kind werde sterben und sei jetzt so froh, dass es lebe. Bei dem abschließenden Entlassungsgespräch (ebenfalls mit Ehemann) wird die Möglichkeit einer Korrektur ihrer Vernarbungen im Bereich der Klitoris besprochen. Sie will das aber nicht. Ihr Mann und sie sind sich jedoch einig, dass sie ihren drei älteren Mädchen und auch dem Baby eine Verstümmelung des Genitale ersparen wollen. Der Ehemann betont, er werde seine Mädchen schützen, wenn ältere Frauen aus der Verwandtschaft so etwas vorhaben könnten. 

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