Free Rider: Impfschutz ohne Aufwand?

Free Rider bedeutet so viel wie „Trittbrettfahrer“. In der Epidemiologie steht dieser Begriff für eine nicht geimpfte Person, die in einer Gemeinschaft mit sehr hoher Durchimpfungsrate lebt. Ein Kind, das selber keine Masern-Impfung erhalten hat, sich aber in einer Umgebung bewegt, in der alle anderen Kinder durchgeimpft sind, wird wahrscheinlich nicht an Masern erkranken. Es profitiert von der so genannten „Herdenimmunität“. Dies ist ein sehr nützlicher Effekt vor allem für immungeschwächte Kinder, die keine Masernimpfung erhalten dürfen. Damit das so ist, müssen jedoch bis zu 94% der Bevölkerung durch Impfung oder durchgemachte Erkrankung geschützt sein. Wollen zu viele Personen Nutznießer der Herdenimmunität sein, d.h. auf die Impfung verzichten und dabei trotzdem vom Impfschutz der Gemeinschaft profitieren, bricht das System schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Zumal auch eine vollständige Impfung keinen 100%igen Schutz bietet, sondern „nur“ einen 99%igen: dh. es muss mit 1.000 nicht geschützen Personen bei 100.000 Geimpften gerechnet werden. Je erfolgreicher ein Impfprogramm ist, um so eher kann eine Krankheit eingedämmt werden. Je seltener nun die Krankheit wird, desto mehr Eltern werden sich fragen, wieso sie das Kind gegen eine Erkrankung impfen lassen sollen, die ihrer Erfahrung nach weit und breit nicht mehr vorkommt.

 

Gefangenen-Dilemma
Soll man sich eigennützig verhalten, oder lieber kooperativ? Diese Frage wird von Mathematikern anhand des Gefangenen-Dilemmas diskutiert. Zwei Gefangene werden verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben. Wenn sie beide schweigen (Kooperation) wird jeder von beiden zu zwei Jahren verurteilt. Wenn einer gesteht und der andere schweigt, so erhält der Geständige als Kronzeuge nur ein Jahr Haft und der Verschwiegene die Höchststrafe von sechs Jahren. Wenn beide gestehen, werden sie zu vier Jahre Haft verurteilt.

  • Ideal für die Gefangenen wäre, wenn sie sich beide gegenseitig vertrauten könnten: Dann gäbe es nur zwei Jahre Gefängnis für jeden. Aber die Gefangenen können sich nicht absprechen.
  • Wenn einer vertrauensvoll wäre und schwiege, könnte er vom anderen leicht rein gelegt werden und bekäme sechs Jahre Haft.
  • Wenn beide befürchteten herein gelegt zu  werden und deshalb lieber gestehen würden, bekämen sie je vier Jahre Haft.

Ein ähnliches Dilemma gilt für Impfprogramme

  • Wenn sich alle impfen lassen würden (z.B. gegen Kinderlähmung), profitierte die gesamte Gesellschaft von der Herdenimmunität. Epidemien wären nicht mehr möglich.
  • Wenn dann die Erkrankung nicht mehr in der Gesellschaft vorkäme, gäbe es demgegenüber natürlich noch die seltenen Nebenwirkungsereignisse aufgrund der Impfung
    • Beispiel: Seltene Nebenwirkungsereignisse bei Impfung und bei nicht mehr vorkommender Erkrankung führten in Deutschland dazu, dass die Schluckimpfung gegen Polio gegen eine nebenärmere Impfung ersetzt wurde. 
  • Wenn nun eine Person nicht geimpft würde, hätte sie keine Nebenwirkungen und käme trotzdem in den Genuss der Herdenimmunität. In der Impfberatung müsste daher Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass die Impfung nicht so sehr aus Gründen der Senkung eines individuellen Risikos, sondern aus Gründen des Bevölkerungsschutzes sinnvoll ist, damit z.B. die Kinderlähmung nicht nach Deutschland zurückkommt.
    • Für die Aufklärung über Individual- und Bevölkerungsschutz fehlt in der Praxis meist die Zeit.
  • Wenn nur wenige, sich nicht impfen lassen, sind Epidemien sind nicht zu erwarten, höchstens einige sporadische Fälle.
  • Wenn es viele "Free-Rider" gäbe, die sich wegen des geringen Risikos nicht impfen lassen wollen, dann ginge der Gemeinschaft ein großer Teil der Herdenimmunität verloren. Lokale Ausbrüche, wären möglich. Die Infektionskrankheit wäre "endemisch". Die verbliebene Herdenimmunität würde bewirken, dass bei relativ seltener Ansteckungsmöglichkeit  die Infektionswahrscheinlichkeit erst langsam mit höherem Lebensalter steigt, und dann mit einem höheren Risiko für Komplikationen einher gingen. D.h. die Häufigkeit von Komplikationen von Infektionen, zum Beispiel bei Röteln (insbesondere in der Schwangerschaft), kann in einer Bevölkerungsgruppe mit einer niedrigen Durchimpfungsrate höher sein, als wenn gar geimpft worden wäre (Edmunds, 2000). Ein weiteres Beispiel dafür ist die Häufigkeit von Komplikationen von Windpocken nach Einführung einer Impfung in Deutschland, die nur von einem Teil der Bevölkerung angenommen wurde.

Es macht also aus Erwägungen des Bevölkerungsschutzes Sinn, möglichst alle Personen zu impfen oder aber nur ausgewählte Personen mit einem erhöhten Komplikationsrisiko.

 

  • Weiterführende Literaturtipps:
    • Bauch CT, Bhattacharyya S. Evolutionary game theory and social learning can determine how vaccine scares unfold. PLoS Comput Biol. 2012;8(4):e1002452. doi: 10.1371/journal.pcbi.1002452. Epub 2012 Apr 5. [
    • Bauch CT, Bhattacharyya S, Ball RF. Rapid emergence of free-riding behavior in new pediatric immunization programs. PLoS One. 2010 Sep 15;5(9):e12594. doi: 10.1371/journal.pone.0012594.
    • Buttenheim AM, Asch DA. Making vaccine refusal less of a free ride. Hum Vaccin Immunother. 2013 Dec;9(12):2674-5. doi: 10.4161/hv.26676. Epub 2013 Oct 2.

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