Das Evo-Eco-Konzept: Wie lässt sich Verhalten wirklich ändern?

Bereits John Snow, der Vater der modernen Epidemiologie, legte Wert auf das Händewaschen. Ignaz Semmelweis, der Begründer der Krankenhaushygiene, verlor über dem vergeblichen Bemühen, den Geburtshelfern seiner Klinik die Händedesinfektion nahezulegen, seinen Verstand. Durch den regelmäßigen Gebrauch von Seife könnten in Entwicklungsländern wahrscheinlich Millionen von Menschenleben gerettet werden. Die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern ließe sich um fast 50% verringern. Manches mutet paradox an. Dass saubere Hände wichtig sind - so zeigten Befragungen - ist selbst den Einwohnern abgelegener Dörfer in Entwicklungsländern bekannt. Wissen allein ist jedoch oft nicht genug. Studien in Indien, China, Tansania, Ghana und Peru zeigten, dass weniger als 20% der Befragten sich nach dem Toilettengang die Hände wuschen. Auch in einem Land wie Großbritannien mit hervorragender Gesundheitsaufklärung und nahezu perfekten sanitären Verhältnissen wuschen sich in einer Autobahnraststätte nur 32% der Männer und 64% der Frauen nach dem Gang zur Toilette die Hände. Interessanterweise stieg die „Handwasch-Rate“ an, sobald mehrere andere Personen anwesend waren.
 

 

Bildquelle: Werner Schönherr

Der Mensch tut nicht etwas nur deshalb, weil andere versucht haben, es ihm plausibel zu machen. Er tut noch nicht einmal immer das, von dessen Nutzen er selber überzeugt ist.

Änderung von Verhalten
Die Lösung der meisten großen Gesundheitsprobleme weltweit setzt aber die Änderung von Verhalten zwingend voraus. Zum Beispiel die üblichen Gebote und Verbote wie weniger Essen, mehr Bewegung, Nutzung von Moskitonetzen oder das Praktizieren von Safer Sex. Verhaltensänderungen anderer Menschen lassen sich zwar sehr leicht am Reißbrett planen, jedoch im Alltagsleben nur äußerst schwer umsetzen. Entsprechend dem geflügelten Wort aus der Coachingbranche: „Nine out of ten people would rather die than change.“
Änderungsprozesse setzen unser Gehirn und damit auch uns erheblich unter Stress. Wenn man die Wahl zwischen dem angenehmen Gewohnten und dem stressigen Ungewohnten hat, trifft man die Entscheidung automatisch. Egal, was man „eigentlich“ für eine Ansicht dazu hat, oder was kluge Menschen dazu sagen.

Valerie Curtis, Direktorin des Hygienecenters des Londoner Tropeninstituts, formulierte es wie folgt:

  • We could talk about germs until we were blue in the face, and it didn’t change behaviors“.

Der Evo-Eco-Ansatz
Curtis entwickelte gemeinsam mit Kollegen folgerichtig ein anderes Konzept, bei dem stärker der Einfluss von Gefühlen und Umgebungsfaktoren berücksichtigt wird. Der Evo-Eco-Ansatz. „Evo“ steht für „evolutionary“ und „Eco“ für „ecological“. Gefühle und Körperreaktionen mit denen wir evolutionär bedingt auf die äußeren Umstände („eco“) reagieren, z.B. der frühe Mensch bei der Mammutjagd oder im Kampf gegen Säbelzahntiger, bestimmen unser Verhalten viel stärker als die leise Stimme der Vernunft, die uns beispielsweise sagt, dass wir die Tüte Kartoffelchips lieber nicht auf einen Schlag leeressen sollten.

Umgebungsfaktoren
Im Hinblick auf Umgebungsfaktoren fand Curtis, dass Mütter, die intensiv Wasser und Seife anwendeten, durchaus mit Repressionen durch andere Dorfbewohner zu rechnen hatten. Beispielsweise wurde diesen Müttern zum Teil Verschwendung oder wichtigtuerisches Verhalten vorgeworfen. Die soziale Missbilligung wirkte sich erwartungsgemäß negativ auf die Ausbildung der neuen Gewohnheit aus. Eine weniger große Rolle spielten hingegen materielle Aspekte, wie die Verfügbarkeit von Seife und Waschgelegenheiten.

Motive
Sollen neue Verhaltensweisen in einer Gruppe etabliert werden, so ist es zunächt hilfreich, nach denjenigen Ausschau zu halten, die das gewünschte Verhalten bereits zu einem festen Bestandteil ihrer Routine gemacht haben. Solche positiven Aussnahmen können wertvolle Hinweise geben. Insbesondere bei direkter Befragung. Auf besondere Reinlichkeit bedachte Frauen ließen sich vor allem von den folgenden Empfindungen leiten:

  • Ekel vor den Ausscheidungen anderer.
  • Die Sorge, selber unangenehm zu riechen.
  • Der Wunsch, eine gute Mutter zu sein, die durch ihre Fürsorge dazu beiträgt, dass ihre Kinder gesund und fröhlich sind.
  • Gefühl von höherem gesellschaftlichen Status (Bewunderung und Respekt) im Vergleich zu den weniger reinlichen Dorfbewohnern.

     

 

Bildquelle: Dr. H. Jäger

Prinzipien
Sind erst einmal die Motive für ein bestimmtes Verhalten bekannt, dann lassen sich daraus Prinzipien ableiten, die nützlich sein können, das entsprechende Verhalten zu verinnerlichen. Am Beispiel der Befragungen zur Handhygine gelang es Curtis die folgenden Leitprinzipien herauszuarbeiten:

  • Ekel
  • Fürsorge
  • Änderung lokaler Normen, Händewaschen als Zeichen von gutem Benehmen
  • Umgestaltungen im Dorf, die an das Händewaschen erinnern und es erleichtern sollen
  • Nutzung der Vorbildfunktion angesehener Mitbürger
  • Unterstützung beim Ausbilden fester Gewohnheiten

Umsetzung
Mit Hilfe einer Werbeagentur konnte unter Anwendung der Leitprinzipien eine Kampagne entwickelt und durch ständige Markt-Tests optimiert werden. Das fertige Image-Produkt erlaubte es zwei Helfern, innerhalb von zwei Tagen die komplette Bevölkerung eines Dorfes zu schulen. Darüber hinaus wurde Müttern die Gelegenheit gegeben, sich in öffentlichen Versammlungen für das regelmäßige Händewaschen auszusprechen.
Die Kampagene richtete sich auch direkt an Schulkinder. Die Kinder wurden durch vielfältige Aktivitäten und das Zeigen eines emotionalen Zeichentrickfilms („SuperAmmas“) mit einbezogen. Die Etablierung von Gewohnheiten wurde unterstützt, die Kinder, die das Händewaschen beachteten, wurden gezielt gelobt. Ein wesentlicher Teil der Kampagne bestand darin, den Kindern im Zusammenhang mit dem neu erlernten Verhalten Wertschätzung und Zuneigung entgegenzubringen.

Zusammenfassung
Verhalten ist oft nicht vernunftgesteuert und der Begriff „Gesundheit“ ist viel zu abstrakt, um ein wirkungsvolles Motiv für eine konkrete Verhaltensänderung zu sein. Entscheidend ist es daher, Motive herauszuarbeiten, die tatsächlich zum natürlichen Denken und Handeln der Menschen in ihrer jeweiligen Situation passen. Aus den richtig erkannten Motiven lassen sich Grundsätze ableiten, die das angestrebte Ziel mit den tatsächlichen Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung in Übereinstimmung bringen. Schließlich bietet eine professionell durchgeführte Kampagne die Möglichkeit, Menschen Gesundheitsanliegen durch eine Vielzahl aufeinander abgestimmter Maßnahmen und Aktionen nahezubringen.

Quellen und weiterführende Information
 

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